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Wie Indiana-Jones im Urwald...

Uwe Lockenvitz in seinem Hochseilgarten in der Fränkischen Schweiz. Foto: Tim Birkner

Acht Meter hohe Tannen säumen die Wiese. Die Sonne steht im Zenit und wirft den Schatten eines riesigen Spinnennetzes auf den Boden. Das Netz hängt, neun bis zwölf Meter über der Erde, an Telegrafenmasten, die die Tannen weit überragen. Mit einem ,,Garten'' hat das Klettergerüst nicht viel zu tun, trotzdem nennt es sich so: Hochseilgarten.

 

Die Kirschen hängen höher...

 

Die Spielsachen in diesem Garten erinnern an Waldspaziergänge - über einen Stamm am Wegesrand balanciert man schnell und ohne zu überlegen. Nur: Hier in Hollfeld in der Fränkischen Schweiz hängen die Kirschen höher - und auch die Baumstämme am Wegesrand schweben neun Meter über mir. Einer Brücke fehlt die Mitte. Eine Kluft von höchstens eineinhalb Metern. Ein Sprung über ein Bächlein also oder ein großer Schritt über eine Pfütze - mehr nicht. Aber hier liegt diese Pfütze hoch über den Baumwipfeln. Auch die Hängebrücke mit nur noch wenigen tragfähigen Brettern und großen Lücken dazwischen kenne ich sonst nur aus Filmen mit Indiana-Jones.

 

Wie Marionetten hängen ein paar Menschen dort oben im Netz. Doppelt gesichert an Stahlseilen, könnten sie sich eigentlich bewegen wie immer. Doch dort oben bewegen sich alle respektvoll kontrolliert.

 

,,Ein Hochseilgarten kann keinem schaden'', sagt Uwe Lockenvitz. Er hat sich diese Seilschaft ausgedacht und von einer belgischen Spezialfirma bauen lassen. Höhenangst und Teamprobleme können dort oben beseitigt und gelöst werden, heißt es. Für die Persönlichkeitsentwicklung ist er gut und Spaß kann man auch noch haben. Drogenabhängige, Rentner, Behinderte, Manager, alle werden von Lockenvitz hier hoch geschleppt. ,,Ich zwinge niemanden. Jeder muss das aus eigenem Antrieb heraus tun. Ich und meine Trainer, wir reden keinem zu, wir lassen ihm Zeit'', sagt der Hochseilgärtner.

 

Eingeschnürt in die Sicherheitsgurte um beide Beine, ums Becken und über beide Schultern fühle ich mich nicht wirklich freier. Ein Helm, und es kann beginnen. Der Aufstieg auf die neun Meter hohe Plattform. Senkrecht nach oben. Eiger-Nordwand für Normalsterbliche. ,,Von zwölf bis achtzig, ohne Fitness, ohne Kondition, ohne Klettererfahrung, den Hochseilgarten kann jeder schaffen'', macht Lockenvitz mir Mut. Gesichert bin ich mit einem Seil, das Ute von oben führt. Alle Trainer haben eine pädagogische Ausbildung und betreiben Extremsport. Ute ist eine der dieser extremsportelnden Pädagoginnen. Drahtig, lächelnd, souverän. Ihre Diplomarbeit schreibt sie über den pädagogischen Einsatz der ,,Elemente'', wie die hoch liegenden Balken, Brücken und Seile genannt werden.

 

Dann stehe ich auf dem 100000 Mark teuren Spielzeug. Angekettet mit ,,cow-tails'' - Kuhschwänzen. Jeder Kuhschwanz hat zwei Karabinerhaken, die in Führungsseile eingeklinkt sind. Jeder ist immer doppelt gesichert. Durch den Garten geht es nur zu zweit. Vier Augen sehen mehr als zwei. Mein Partner kontrolliert mein Sicherheitssystem, ich das seine. Außerdem gibt es professionelle Hilfe. Immer sind mindestens zwei Trainer im Einsatz, um jeden aus jeder denkbaren Notsituation bergen zu können.

 

Durch die ,,Sanduhr''

 

Mein erster Schritt ins Ungewisse. In neun Metern Höhe dehnt sich das Seil unter meinen Füßen, meine Knie geben ebenfalls nach. Mit der ,,Sanduhr'' beginnt mein Rundgang: Der nächste rettende Telegrafenmast ist fünf Meter entfernt. Dorthin führen drei Seile: eines schräg von unten nach oben, zwei schräg von oben nach unten. Irgendwann muss man es wagen, muss auf das Seil, an dem man sich festhielt, mit den Füßen steigen und sich an dem festhalten, auf dem man bisher stand. Jeder hier oben muss das tun. Jetzt hänge ich in den Seilen. ,,Was das Element mit einem macht, liegt an jedem Einzelnen. Jeder empfindet etwas anderes'', sagt Lockenvitz.

 

Bei dem Baumstamm zum Balancieren denke ich: ,,Ich muss meinen Weg gehen.'' Und: ,,Ganz schön hoch.'' Bestimmt fünf, sechs Versuche brauche ich, um überhaupt freihändig zu stehen. Was ich jetzt empfinde, muss Ute vor mir erlebt haben. ,,Jeder unserer Trainer muss seine Grenzen austesten, das Gefühl kennen, am Abgrund zu stehen. Nur dann kann er ein guter Trainer sein. Ich schaffe es zum Beispiel noch nicht, rückwärts mit verbundenen Augen über diesen Balken zu gehen'', gibt Lockenvitz zu. Ich bin froh, mit offenen Augen und vorwärts den nächsten Masten zu erreichen. Freihändig, nach langem Überlegen, schnell und zügig - wie eben bei einem normalen Waldspaziergang auch. Der Stamm hätte ruhig ein bisschen schmaler sein können, denke ich am anderen Ende.

 

,,Alles, was Du da oben brauchst, steckt in Dir drin'', so einfach ist das erlebnispädagogische Konzept von Uwe Lockenvitz. ,,Beruhig' dich, schnauf' tief durch, konzentrier' dich. Was man beim Klettern in neun Metern Höhe übt, kann man im Leben nutzen. Etwa bei Bewerbungsgesprächen. Ich muss lernen, mit meiner Angst umzugehen. Die lähmende Angst zu überwinden, die motivierende zu nutzen.''

 

Alles gerät in Schwingung

 

Mein Weg verengt sich zum Drahtseil. ,,Probiert das Element doch mal zu zweit'', hatte Ute angeboten. Zusammen mit Richard stehe ich auf dem Seil. Wenn einer wackelt, beginnt alles zu schwingen. In mir pocht das, was Lockenvitz wohl motivierende Angst nennen würde. Neben mir ein zweiter Körper, in dem Ähnliches vorgehen muss. Die Höhe, die Hitze, alles blendet mein Gehirn aus, konzentriert sich auf etwas, was fast nicht da ist: ein fingerdickes Drahtseil. Ein paar ,,Lianen'' hängen in einigem Abstand vom Führungsseil herab, doch zu zweit, meint Ute, sollten wir bitte auch nur jede zweite zum Festhalten nutzen. Der Drahtseilakt geht erstaunlich reibungslos. Erleichtert verschnaufen wir kurz.

 

Der Sprung über das Bächlein wartet noch. Mit welchem Fuß springe ich gewöhnlich ab? Rechts? Oder doch links? Die Entfernung zur rettenden Plattform ist nicht das Problem, das Heikle sind die neun Meter unter mir. Streichholzgroß die Zuschauer. ,,Wir entführen die Leute in eine Phantasiewelt. Dort lösen sie die Probleme ihres Lebens spielerisch'', so die Vision von Lockenvitz. ,,Der Mensch, der sich dort oben erlebt, fasziniert mich. Das Danach ist entscheidend. Denn da ist etwas Neues dabei.''

 

Der schnellste Weg nach unten ist Springen. Ein kleiner Karabinerhaken verbindet mich und eine Drahtseilschaukel. ,,Spring', wenn Du soweit bist. Du hast alle Zeit, die du brauchst'', höre ich Ute sagen. Die Zeit, die ich nach unten brauchen werden, wird nicht lang sein. Ich entschließe mich zu springen. Höre mich schreien, erinnern kann ich mich erst wieder, als ich an der gegenüberliegenden Seite fast gegen den Masten schwinge. Mein Rundgang durch den Garten ist beendet. Er bleibt oben, ich bin unten. Ich kann seinen Schatten wieder auf der Wiese erkennen. Ich spüre den warmen Wind wieder auf meiner Haut.

 

Ein schöner Garten im Sommer, doch was macht Uwe Lockenvitz im Winter? ,,Da räume ich den Schnee oben weg und dann kann es losgehen. Warm wird es im Hochseilgarten jedem.'' Stimmt.

 

 

Tim Birkner, FP 7.10.2000


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