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?Fasching gibt es bei uns nicht?

Zusammen mit ihrer deutschen Freundin Steffi, bei der sie die ersten Wochen auch wohnt, will Eli?ka (rechts) Samstagabend auf den Turnerfasching. - FOTO: TIM BIRKNER

VON TIM BIRKNER

LICHTENFELS / CESKY BROD ? Eli?ka Jakubícková geht in Cesky Brod in die 12. Klasse. Seit zwei Wochen ist die tschechische Austauschschülerin in Lichtenfels und möchte hier ihr Deutsch verbessern. Außer Deutsch wird sie auch Landeskunde erleben: ?Fasching kennen wir in Tschechien nicht?, sagt sie und freut sich auf den Turnerfasching, auf den sie heute Abend mit ihrer deutschen Freundin gehen möchte.

Eli?ka erzählt von ihren Vorbereitungen auf den dreimonatigen Auslandsaufenthalt ? ganz so, als ob sie eine Busfahrkarte oder Laugenbreze kaufte. Alles scheint einfach und sonnenklar gewesen zu sein. Sie besucht in Cesky Brod die Partnerschule des Meranier-Gymnasiums. Als sie ihrem Direktor sagte, sie wolle gerne nach Deutschland, war klar, dass er ihr Lichtenfels empfehlen würde.

 

Dabei ist sie die erste Schülerin ihrer Schule, die alleine nach Lichtenfels kommt. Sie ist die erste, die drei Monate in Deutschland bleibt, nicht nur eine Woche, wie beim bisherigen Schüleraustausch. Und sie ist das erste Mal in Deutschland, abgesehen von einem Tagesausflug nach Dresden in der 9. Klasse. Ruhig und routiniert spricht sie davon, trinkt Tee und erweckt den Eindruck, als ob ?Auslandsaufenthalte? ihr langjähriges Hobby wären.

 

Als Eli?ka 1990 eingeschult wurde, war die deutsche Wiedervereinigung, der ?eiserne Vorhang? wurde gehoben. ?Die Grenze war für uns eher weniger offen?, erzählt sie, die in einer Kleinstadt mit 7000 Einwohnern, 50 Kilometer östlich von Prag wohnt. Sechs Stunden fährt man mit dem Auto bis nach Lichtenfels.

 

?Cesky Brod ist eine kleine historische Stadt?, sagt sie und spricht vom Alltag: ?Wir haben bei uns viele Roma, die meist arbeitslos sind - das ist ein Problem für die Stadt.? Doch es gibt auch Parallelen zu Deutschland. ?Viele Jugendliche haben keine Arbeit oder müssen eine Ausbildung machen, die ihnen eigentlich keinen Spaß macht.?

 

Für diese Generation hofft sie, dass die Europäische Union, zu der Tschechien ab dem 1. Mai gehören wird, eine Chance sein wird: ?Die Jugendlichen sprechen alle sehr gut englisch, viele können auch deutsch.? Damit, glaubt Eli?ka, können sie in Europa studieren und arbeiten. Denn die Aussichten in Tschechien sieht sie eher düster: ?Mit der EU wird für uns alles teurer und wir müssen auch höhere Steuern zahlen - wir sind nicht so reich.?

 

Sie selbst möchte in Pardubice, 100 Kilometer östlich von Prag, Geschichte studieren und dann als Reiseleiterin in ganz Europa unterwegs sein.

 

Einen Grundstein dafür legt ihr Aufenthalt in Lichtenfels. Vom Direktor des Meranier-Gymnasiums, Heinz Pfuhlmann, hat sie einen eigenen Stundenplan bekommen. ?Ich besuche den Deutsch- und Geschichteunterreicht von der 5. bis zur 11. Klasse?, erzählt die Tschechin. ?Die Kinder in den unteren Klassen sind sehr lustig?, freut sie sich, ?alle wollen immer neben mir sitzen und leihen mir sofort ihre Bücher.? Nur mit dem Dialekt und der undeutlichen Aussprache hat sie noch Schwierigkeiten: ?Da verstehe ich wenig.?

 

Wenig Verständnis hatte ihr Vater anfangs mit dem Plan seiner Tochter, nach Deutschland zu gehen. Sie sei soweit weg; was nicht alles passieren könne. ?Doch zusammen mit meiner Mutter konnten wir ihn dann doch überzeugen?, sagt Eli?ka ruhig, lächelt und lässt nur erahnen, dass dieses ?Überzeugen?, harte Arbeit für sie war.

 

Dem Fasching nähert sie sich ebenso bestimmt wie behutsam, ähnlich, wie sie sich auch der deutschen Sprache und neuen Freunden nähert. Keine Frage, dass sie hingeht, aber ?ich glaube, ich werde mich erst mal nicht verkleiden.?

NP 31. Januar 2004


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