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?Ältere sind überwiegend arm dran?

Käthe Lorper plant und erzählt an ihrem Küchentisch. Foto: Tim Birkner

VON TIM BIRKNER

REDWITZ / EGER ? ?Keine Angst, Mutter, du kannst noch bis Dezember 2005 zu mir kommen.? Die ?Mutter? ist Käthe Lorper, 72, die seit neun Jahren für den Frauen-Senioren-Club Fahrten nach Eger organisiert. Der ?Sohn? ist ihr Stammhändler auf dem Tschechenmarkt kommt aus Vietnam und hat ihr vor kurzem sein Visum der Tschechischen Republik gezeigt.

Am kommenden Dienstag fährt Lorper zum 72. Mal nach Eger, mit ihr 52 Seniorinnen und Senioren. Eine denkwürdige Fahrt, denn bei der nächsten Tagesreise im Juni wird Tschechien zur EU gehören. Wie sich das auswirken wird, weiß Lorper noch nicht so genau.

 

Zu mehr als zu einem Beobachten aus der Ferne hat Lorper bei ihren Besuchen keine Zeit. ?Zur Bevölkerung haben wir außerhalb der Geschäfte so gut wie keinen Kontakt?, sagt sie. Hinfahrt, zwei Stunden Markt für Besorgungen, zwei Stunden Innenstadt zum Einkehren, Rückfahrt, so sind die Reisen geplant.

 

Vietnamesen prägen den Markt in Eger. ?Von Unterwäsche bis zu Stiefeln, Kappen, Schuhen: Es gibt alles und alles ist günstiger als bei uns?, sagt Lorper.

 

Eger ist gut gerüstet für Reisegruppen wie die von Käthe Lorper. Es gibt einen großen Parkplatz, die Gänge zwischen den Holzbuden sind seit zwei Jahren überdacht. Bei Wind und Wetter können die Gäste aus dem Westen bei den Vietnamesen shoppen.

 

Den Wechselkurs von Euro und Tschechischer Krone hat sie stets im Kopf, obwohl inzwischen alle Händler, Geschäfte und Restaurants den Euro als Währung akzeptieren. ?Alle sprechen dort deutsch?, sagt sie, und was vor neun Jahren nur für den Markt und seine Händler galt, gilt inzwischen auch für die Innenstadt: Es wird deutsch bedient, europäisch bezahlt. ?In der Metzgerei oder der Apotheke, selbst im Warenhaus spricht inzwischen immer einer deutsch?, sagt die Reiseleiterin.

 

Die Teilnehmer ihrer Fahrten sind froh, dass man sie in Eger versteht. ?Viele kaufen Sachen für ihre Enkel oder Geschenke, weil sie sich das dort noch leisten können?, berichtet Lorper. Die Preise sind für Lorper auch noch der einzige Unterschied zu den Märkten und Geschäften in Deutschland. Die Stadt und der Marktplatz sehen inzwischen malerisch aus, jedes Haus leuchtet in einer anderen Farbe, seit zwei Jahren werde auch die örtliche Kirche hergerichtet. ?Nur in den Nebenstraßen ist alles noch ganz schön herruntergekommen und verwahrlost?, beobachtet Lorper.

 

Ebenso beobachtet sie die älteren Menschen in Eger. ?Die sind überwiegend arm dran?, sagt sie. Und sie erweckt den Eindruck, als ob sie sich auch um diese Menschen kümmern möchte. Doch sie ist schon Vorsitzende der Redwitzer Senioren, Vorsitzende des VdK-Ortsverbandes, mischt überall mit und kümmert sich. Jedes ?ihrer? Mitglieder bekommt zu Weihnachten ein kleines, selbst gebasteltes Geschenk. Für heuer häkelt Lorper 125 rote Untersetzer mit einem goldenen Rand. Zwirn, Garn und Wolle kommen aus Eger.

 

Nun fürchtet Lorper, dass mit dem Beitritt Tschechiens zur EU auch das Garn teurer wird.

 

?Die wissen selbst nicht genau, was auf sie zukommt?, berichtet die 72-Jährige. Beim Zoll will Lorper vor ihrer nächsten Reise sicherheitshalber anrufen. ?Ich weiß nicht, ob es die dann noch gibt, ich habe gelesen, es werden 400 Zöllner arbeitslos.? Es treiben sie eher die Sorgen um die Zöllner, als die Erleichterung, dass sie keine Zollerklärungen mehr im Bus vorlesen muss. Nach 72-mal Vorlesen ist Schluss mit dem Ritual. ?Dabei haben das meine Mitreisenden immer ganz amüsant gefunden.?

 

Einen Trend hat sie unabhängig vom Beitritt Tschechiens beobachtet: ?Vor drei Jahren waren jedes Mal acht, neun Busse auf dem Parkplatz, heute sind es nur noch drei oder vier.? Der Zenit des Schnäppchenmarktes scheint überschritten zu sein.

 

Ihre Stammkunden aus Redwitz und Umgebung bleiben ihr bislang noch treu. ?Beim Aussteigen lassen sie sich schon für die nächste Fahrt aufschreiben.? Und Käthe Lorper freut sich über die strahlenden Augen ihrer Mitfahrerinnen. Freudig schlägt sie auf den Tisch, wenn sie an die Zukunft denkt: ?Bei meiner 100. Eger-Fahrt übernachten wir dort.? Das wäre im Juni 2007.

 

NP, 20. März 2004


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