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?Es ist wichtig, Land und Leute ernst zu nehmen?

VON TIM BIRKNER

?Ich habe immer gemerkt, dass ich dort willkommen bin?, sagt Thilo Rießner über Tschechien. Seit Oktober 1995 haben ?Rießner-Gase? aus Lichtenfels dort ein Zweigwerk. Rießner, 36, ist Geschäftsführer beider Standorte. Er sieht den Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union positiv.

LICHTENFELS/ZDICE ? Thilo Rießner ist jemand, der sich vorbereitet. ?Ich möchte nicht ankommen und arrogant wirken?, sagt er. So wuchs beispielsweise die tschechische Außenstelle langsam. Zunächst vertrieb Rießner lediglich technische Gase auf dem tschechischen Markt, allmählich kam die Abfüllung vor Ort dazu.

 

?Es ist wichtig, das Land und die Leute ernst zu nehmen?, sagt Rießner. Für ihn bedeutet das auch, dass er Tschechisch lernte, bevor er vor drei Jahren den Geschäftsführerposten in Tschechien übernahm. Seine Sprachkenntnisse genügen, um ?ein Schnitzel und ein Bier? zu bestellen.

 

Das kommt bei den Leuten gut an, die sich anders als die Deutschen seit zehn Jahren auf die Mitgliedschaft in der EU vorbereiten. Die Tschechen erarbeiten sich die deutsche Sprache und mit ihr den deutschen Markt.

 

?Während fast alle billige Produkte aus Tschechien nach Deutschland importieren, machen wir es genau umgekehrt: Wir verkaufen deutsche Produkte in Tschechien?, erläutert Rießner seine Strategie. In einem Radius von 300 Kilometern mache der Vertrieb von Gasen Sinn, erklärt er. Für die Rießner-Gase, kam mit der Wende 1990 zunächst Thüringen und Sachsen als Vertriebsfläche hinzu, später im Osten auch Tschechien.

 

?Früher hatten wir von Lichtenfels aus nur ein gutes Viertel des Kreises nutzen können?, sagt der Geschäftsführer, ?heute können wir den gesamten 300-Kilometer-Kreis bedienen.? In die Fläche will Rießner in den nächsten Jahren nicht expandieren, aber den Umsatz in Tschechien zu verdreifachen, das sei ein realistisches Ziel.

 

Das Land ernst nehmen bedeutete für Rießner auch, dass das tschechische Werk ?Riessner-Plyny? hieß. ?Plyny? ist tschechisch und bedeutet Gase. Rießner wollte damit Resentiments vermeiden. Doch der tschechische Werksleiter drängte darauf, das deutsche ?Gase? zu verwenden. So heißt das Werk heute ?Riessner-Gase?, und von den 14 Mitarbeitern sprechen zwei fließend Deutsch. ?Viele von den übrigen bemühen sich ebenfalls, deutsch zu sprechen, zumindest so zu radebrechen, wie ich es auf tschechisch versuche?, berichtet Rießner.

 

Auch dies ist ein Indiz dafür, dass sich die Tschechen gut auf die EU vorbereiten, sie die deutschen Unternehmen seit langem kennen. Die Deutschen hingegen haben um ihre heimischen Arbeitsplätze Angst. ?Die Verlagerung der Arbeitsplätze nach Tschechien hat aus meiner Sicht längst stattgefunden und ist weitestgehend abgeschlossen?, winkt Rießner ab und nennt auch die Möbelindustrie als Beispiel.

 

?Im Grenzland herrscht auf tschechischer Seite nahezu Vollbeschäftigung. Die Löhne ziehen entsprechend an?, hat er beobachtet. Höchstens die tschechischen Handwerksbetriebe sieht er in einem kleinen Radius auch auf deutscher Seite arbeiten, wenn die Tschechen eine EU-weite Arbeitserlaubnis bekommen. Doch das wird noch mindestens zwei, maximal sieben Jahre dauern.

 

?Nach zwei Jahren kann Deutschland in Brüssel begründen, warum der Arbeitsmarkt noch nicht geöffnet werden soll und einen Aufschub um drei Jahre beantragen?, erläutert Rießner. Nach fünf Jahren sei dann eine weitere Verlängerung um maximal zwei Jahre möglich. Die EU- Osterweiterung ist eben vielschichtig.

 

?Die Sprache ist auch sehr komplex?, erinnert sich Rießner an seinen Sprachkurs in Bamberg. Allein sieben Fälle mit jeweils acht Endungen wollen gelernt und richtig angewendet werden. ?Dort drüben wird mir das immer hoch angerechnet, auch wenn ich nur eine der Endungen verwende.?

 

Spätestens seit Mitte der 90er- Jahre sei in Tschechien die Ablehnung der Deutschen stark zurückgegangen, meint er. Aber er betont zugleich, dass er nur mit Tschechen bis zu 40 Jahren zu tun hat: ?Wie es bei der älteren Generation aussieht, weiß ich nicht.?

 

Auch die Mentalitäten sind unterschiedlich. ?Der Tscheche improvisiert mehr?, berichtet Rießner auch aus der Erfahrung in seinem Werk. Er beobachtet bei unseren Nachbarn im Osten eine große Lebensfreude und starken Teamgeist: ?Die Leute dort können sich über sehr kleine Sachen groß freuen.? Er erinnert sich auch gerne an die Betriebsfeiern der tschechischen Belegschaft, zu denen er auch zwei seiner Kinder mitnahm: ?Wir saßen am Lagerfeuer, einer hatte eine Gitarre dabei und wir haben viel gesungen und gelacht.?

 

Nun möchte der Vater von fünf Kindern mit seiner Familie den nächsten Urlaub in Tschechien verbringen. ?Es ist nah, wunderschön und günstig?, sagt er und versteht nicht ganz, warum nicht mehr Deutsche in dem Nachbarland Ferien machen.

 

?Wenn man die vergangenen zehn Jahre genutzt hätte, wäre auch auf deutscher Seite mehr Offenheit da?, ist Rießner sicher und verweist auf das Saarland. Dort sei es selbstverständlich, dass beinahe jeder Französisch spricht.

 

Aber Rießner ist auch Geschäftsführer und wünscht sich von den Mitarbeitern und Partnern in Tschechien ?ein wenig mehr Zuverlässigkeit, dass sie seriöser planen und effektiver werden?. Beim Fleiß kann er keine Unterschiede zwischen seinen deutschen und seinen tschechischen Mitarbeitern beobachten.

 

Ab Mai, wenn Tschechien zur EU gehört, hofft er, gehen Willkür und Bürokratie zurück. Beispielsweise muss der Fahrer eines Lastwagens mit einer neuen Lieferung aus Deutschland nicht mehr zum Binnenzollamt in der Gemeinde. ?Dort musste man immer einen halben Tag warten, egal ob viel oder wenig los war. Notfalls hat der Beamte eben solange Pause gemacht.? Wer diese Hürden immer wieder erlebe, der freue sich richtig, wie schnell und effektiv unsere Behörden in Deutschland arbeiten, sagt Rießner mit einem lauten Lachen.

 

Die Hürde der unterschiedlichen Sprachen versuchen fast nur die Tschechen zu nehmen, nicht die Deutschen. ?Es gibt hier fast keine Sprachkurse für Tschechisch?, klagt er und verweist auf seine Bemühungen: ?Ich musste bis nach Bamberg fahren, um dort als Gaststudent mit nur fünf anderen Tschechisch zu lernen.?

 

Auch die Willkür der Justiz hat er in Tschechien schon erlebt: ?Wir hatten einen Prozess, der sich über fünf Jahre hinzog und durch zwei Instanzen ging.?

 

Beim Urteil der ersten Instanz musste Rießner an seine Tschechischlehrerin denken, die ihren Schülern sagte: ?Wenn ich tschechische Gerichtsurteile ins Deutsche übersetze, denken die Leute, ich sei verrückt - aber genauso verrückt steht es auf Tschechisch eben da.?

 

Thilo Rießner ist gut auf Tschechien zu sprechen. ?Der Beitritt ist in jedem Fall eine Bereicherung für Europa?, sagt er und fügt hinzu: ?Man muss das langfristig betrachten.? Nur um seine Tschechisch-Kenntnisse sieht es auf lange Sicht nicht so gut aus:

 

?Seitdem ich regelmäßig in Tschechien bin, wird mein Wortschatz immer kleiner ? fast alle sprechen deutsch mit mir?. Vielleicht hilft ihm da sein nächster Urlaub.

 

NP, 22. 1. 2004


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