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200 Jahre Justiz- und Verwaltungsreform

Professor Dr. Günter Dippold öffnete in seinem Vortrag auf Kloster Banz die Tür zur Justiz- und Verwaltungsreform des Jahres 1804. Diese war Geburtsstunde des heutigen Amtsgerichtes, dessen Tür Dippold hier öffnet. - FOTO: DENISE BEIERLIPP

10. Dezember 2004

VON TIM BIRKNER

KLOSTER BANZ ? Reformen wirken verstörend. Wenn administrative Strukturen geändert werden, sorgt das für Aufregung im Volk und Unruhe bei den Betroffenen. Wenn Umweltminister Werner Schnappauf von der ?größten Behördenverlagerung in der Geschichte Bayerns? spricht, wenn 300 Beamtenstellen nach Hof verlagert werden, ist das die Geburtsstunde einer solchen Reform.

Wer würde zu einer solchen Geburtstagsfeier kommen? Mal abgesehen von den Betroffenen, die die Geburtstagsrede möglicherweise mit Zwischenrufen stören würden.

 

Wenn der Geburtstag sich nun aber zum 200. Male jährt und Bezirksheimatpfleger Professor Dr. Günter Dippold die Festrede hält, dann kommen gut 300 Gäste und lauschen eineinhalb Stunden lang seinem Vortrag. Eine Stecknadel hätte man fallen hören können, selbst ein Räuspern wäre aufgefallen im großen Tagungssaal auf Kloster Banz.

 

Wären die Zuhörer 200 Jahre früher auf Banz gewesen, zu Zeiten der Verwaltungs- und Justizreform 1804, hätten sie hautnah erleben können, was Dippold nun erneut zum Leben erweckte. Die Säkularisierung des Klosters, die überaus gesittet ablief von ?feinsinnigen, höflichen und streng am Rechtlichen orientierten Beamten?. Dennoch empfand ein ehemaliger Mönch das Kloster als ?Krambude, wo Käufer und Verkäufer sich scharenweise drängten?.

 

Das ist eine Zutat zu Dippolds Vortrag: Er stöbert in den Archiven bis er Menschen findet, keine Amtvorgänge. Ihre Briefe, Beurteilungen und Veröffenlichungen machen diese Menschen auch nach 200 Jahren wieder lebendig. Wer schreibt, der bleibt. Und wer besonders deftig oder überschwänglich schreibt, der kommt bei Dippold auch vor einer größeren Festversammlung zu Wort. Wie der Bamberger Regierungsrat Georg Michael Weber, dessen Beobachtungen auch heute so mancher Politiker öffentlich wiederholt und sich damit häufig Ärger einhandelt: ?Man erschrickt, wenn man im Staatskalender das große Heer von geheimen Hof- und Regierungs-Räthen liest: aber noch größer ist das Erstaunen, wenn man die brauchbaren und arbeitenden Mitglieder zusammen zählet.?

 

Die tätigen wie die untätigen Beamten waren vor 200 Jahren mit einer Reform konfrontiert, die ihresgleichen suchte. Aus 56 Vogteiämtern, 24 Kastenämtern und 46 Steuerämtern wurden gerade einmal 20 Landgerichte und ebensoviele Rentämter. Und ? beinahe gleichgültig ob im Jahre 1804 oder 2004 ? natürlich mussten Beamte auf Grund dieser Reform umziehen. Und sie weigerten sich. Damals gab es den Beschluss, dass ?solchen Dienern, welche in einer Provinz ansässig sind, und in eine andere gegen ihren Willen übersetzt werden sollen, freizustellen, ob sie nicht lieber in Pension gesetzt werden wollen.? Die fähigsten Beamten hatte sich die Landesdirektion nach Bayreuth geholt.

 

Dippold referierte nun keine Zahlenkolonnen, Kosten und Ersparnisse, sondern er ließ Dr. Martin Aschenbrenner auferstehen. Dieser setzte große Hoffnung in die Reform. Er wünschte, die Justiz und die Verwaltung würden endlich voneinander getrennt werden. Doch zunächst war er Leidtragender. Mit 30 Jahren wurde er in den zeitweisen Ruhestand versetzt. Aschenbrenner tat, was Heimatpfleger lieben: er schrieb. Er schrieb an die Regierung und pries sich an, buhlte um einen Staatsposten, er schrieb Studien beispielsweise über ?Das Duell?, das er zum strafwürdigen Verbrechen erklärte. Er veröffentlichte Schriften wie ?Perspektive für das künftige Gewerbswesen in den Landen deutscher Mundart?.

 

Zwei Jahre lang lobte Aschenbrenner sich selbst, bis er 1806 Landrichter auf Banz wurde. Jetzt hatte er seinen Posten, doch zu Ruhe kam er nicht. Er schrieb weiter. Über die Bienenzucht ebenso, wie über den Hopfenanbau. Er verlor sein Amt, weil er die ?Amtsehre? der Regierung beleidigt hatte. Doch er schrieb weiter. Im Revolutionsjahr 1848 gipfelte seine publizistische Tätigkeit. Er gab eine demokratische Zeitung heraus, die alsbald verboten wurde, weil er darin in zu grober Weise die Obrigkeit angriff. ?Aschenbrenner war das Paradebeispiel für den rastlosen, von aufklärerischen Ideen angetriebenen Beamten, zugleich aber auch für die gelegentliche Realitätsferne der Aufklärer, die ihr Buchwissen und ihr Selbstdenken über die Erfahrung der Praktiker stellten?, fasste Dippold zusammen.

 

Dann kommt die zweite Zutat zu seinem Vortrag: Dippold hält kurz inne, zuckt kaum merklich mit den Schultern, blickt verschmitzt durch seine Brille, schaut in das Heer der Rechtsanwälte, Politiker, Staatsdiener und Geschichtsfreunde in seinem Publikum und verkneift es sich, seinen Kommentar in Worte zu fassen. Wer oder was nun bei der heutigen Verwaltungsreform realitätsnah ist und was nicht, das darf sich jeder im Stillen selbst vorstellen. Wieviele Beamte wohl vorzeitig pensioniert werden, auch diese Spekulation überlässt Dippold seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Ob das Jammern der Städte und Gemeinden etwas bringt, sollen bitte andere beurteilen. Dippold zitiert nur mit einem Lächeln: ?Staffelstein war immer der Sitz eines Amtes, welches den Einwohnern reichliche Nahrung gewährte und sie in dem blühendsten Zustande erhielt. Bei dem Antritt und Uebernahme des Fürstenthums Bamberg Seiner Königlichen Majestät von Baiern wurde durch die Organisation der Aemter unserm Städtchen das traurige Los zu Theil, den Amts-Sitz zu verlieren, wodurch die Nahrungs-Quellen der Gewerbe-treibenden Bürger gänzlich aufhörten.?

 

Nur ein einziges Mal zügelte Dippold seine Zunge zu spät. Er fand Briefe und Belege von Vetternwirtschaft, Kirchturmdenken und Eitelkeiten. So war der erste Landrichter in Lichtenfels mit seinem Ämtergebäude nicht zufrieden. Er jammerte, bis er in Staffelstein eine adäquate Arbeitsstätte fand. Und damit Lichtenfels seinen Amtssitz nicht hergeben musste, bauten die Lichtenfelser ihm geschwind ein eigenes Landgericht ? das heutige Rathaus II. In Klosterlangheim hoffte man noch 1803 auf einen Ämtersitz, ging jedoch leer aus. Während dort das Zisterzienserkloster leer stand, baute man in Lichtenfels neu. Viel Bausubstanz ging dadurch verloren. ?Dort ein Leerstand, hier ein Neubau, ist das heute anders??, fragte Dippold. Und seine Augen und Schultern antworteten.


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