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Stirbt das R aus?

29. Februar 2008

Wann haben Sie das letzte Mal „rrrrr“ gesagt? Oder ein ebensolches in einem Gespräch mit jemandem gehört? Ich meine, so ein richtig leidenschaftliches und bewusst rollendes „rrrrr“? Gerrrrrade eben? Gesterrrrrn? Oder ist es länger herrrrr? Wenn für Sie Letzteres gilt, liegen Sie im Trend. Denn das R wird in der deutschen Sprache kaum noch gerollt. Wenn überhaupt, wird es angedeutet, ein einziges kleines „r-chen“ wird hörbar. Das R stirbt. Und damit erleidet nicht nur unsere Sprache, damit erleiden wir einen herben Verlust.Was geschieht, was erleben wir im Laut R? Wir erzittern vor der Welt, sagt Rudolf Steiner. Das R ist der konsonantische Laut der höchsten Erregung, ein mitreißender, bewegter und bewegender Laut, ein Laut, der uns inspiriert und mit dem wir die Welt inspirieren. – Zunächst natürlich sehr konkret mit der in Schwingung versetzten Atemluft. Aber dabei bleibt es nicht. Das R bringt Dinge ins Rollen. Es bringt unser Innerstes in Kontakt mit der Außenwelt. Aber nur dann, wenn es artikuliert wird, wenn es rrrrrollt. Das R versetzt uns in Aufruhr und ermöglicht es uns, die Welt in Aufruhr zu versetzen.

Das R ist etwas Besonderes. Denn das R ist der einzige Laut unserer Sprache, der an zwei völlig entgegengesetzten Artikulationsorten realisiert werden kann: Die deutsche Sprache kennt gleichberechtigt das Zungenspitzen-R und das Zäpfchen-R. Der eine Artikulationsort liegt tief im Rachen. Hier schwingt mit dem Zäpfchen der innerste Bereich, den wir überhaupt zu den Artikulationsorganen zählen, der Übergang in den Leib. Im Zungenspitzen-R schwingt eine der vordersten Artikulationszonen, die wir haben, buchstäblich in Sichtweite zur Außenwelt.

Beiden gemeinsam ist eines: Wir agieren an der Grenze zwischen innen und außen. Und das auch noch auf einzigartige Weise. Denn das R der einzige Laut, bei dem der Atemstrom durch das Schwingen muskulärer Gewebe in Schwingung versetzt wird, der einzige so genannte Zitterlaut, den unsere Sprache kennt.Das macht es schwierig, ihn zu erlernen. Normalerweise ist es der Laut, den Kinder als Letztes bilden lernen. Viele erst – und das ist durchaus physiologisch - um den siebten Geburtstag herum.

Das R setzt uns und wir setzen uns mit dem R in Beziehung zur Welt. Setzen wir nicht auch die Schulreife um diese Zeit herum an und sagen Rudolf Steiner folgend: Ein Teil der Ätherkräfte wird mit dem beginnenden Zahnwechsel und dem Übergang in das zweite Lebensjahrsiebt frei zum Lernen, zur Beschäftigung mit der Welt. Das R bringt uns in Kontakt mit der Außenwelt. Welcher Zeitpunkt wäre besser geeignet, um diesen Laut zunächst zufällig finden, spielerisch erüben, dann ahnend greifen und schließlich bewusst einsetzen zu können als das siebte Lebensjahr?Das bewusst gerollte R ist in der heutigen Alltagssprache aber kaum zu finden.

Das R ist redundant, sagen die Sprachwissenschaftler. Dabei ist das immer weniger deutlich artikulierte R lediglich das deutlichste Beispiel für die aktuelle Entwicklung im Sprechen. Wir artikulieren kaum akzentuiert, nachlässig und unbewusst. Das Sprechen wird auf eine einzige Aufgabe reduziert: Es transportiert Inhalt. Mehr nicht. Das gilt für das Alltagssprechen, das Sprechen sowohl von Lehrern als auch von Schülern im Unterricht, das Vorlesen, das Referieren und Präsentieren, für das Sprechen von Dichtung genauso wie für das Telefonieren.Diese Entwicklung begann mit dem Ende des Nationalsozialismus. Rufen Sie Ihrem Ohr einmal Kinofilme aus den 1930er und 1940er Jahren in Erinnerung. Oder denken Sie daran, wie Gustav Gründgens als Mephisto sprach. Wie da artikuliert wurde. - Denken wir aber an jene Zeit, klingen unweigerlich die verhängnisvollen Hetzreden eines Joseph Goebbels und eines Adolf Hitler in unseren Ohren. Eine bis heute zentnerschwer lastende Hypothek. Wir machen es anders, lautete - oftmals unausgesprochen - das Credo der Nachkriegszeit. Zurückhaltung, Emotionslosigkeit, Nüchternheit lautete die Devise und lautet sie vielfach bis heute. Der Nationalsozialismus vereinnahmte, vereinseitigte und instrumentalisierte unsere sprecherischen Ausdrucksmöglichkeiten. Wir reagierten kleinlaut, ja, schuldbewusst mit artikulatorischer Unverbindlichkeit und haben bis heute keinen selbstbewussten Weg aus dieser Okkupation gefunden. Im Gegenteil: Wir kultivierten die sprecherische Zurückhaltung und entwickelten sie zu der heutigen von Lehrern und Sprachgestaltern kritisierten Nachlässigkeit und Schnoddrigkeit, zur typischen unbewussten Sprechweise unserer Zeit.

Nein, wir brauchen keine glorifizierende Rückbesinnung auf etwaige gute, alte Artikulationszeiten. Wir brauchen eine bewusste und zukunftsweisende Gestaltung unseres Sprechens. Wie war das noch mit dem R? Wir erzittern vor der Welt. Das R bringt uns in Kontakt mit der Außenwelt und damit auch in Kontakt mit anderen. Heute wird das R gemieden und allenfalls angedeutet. Eine zeitgemäße Entwicklung. Und was für ein Symbol. Wir wollen doch mit der Welt möglichst wenig zu tun haben. Probleme sollen "die anderen" lösen. Ich nicht. Die 3. Welt ist weit weg, die Umwelt ohnehin nicht zu retten, die Sozialsysteme kollabieren, jeder muss eben für sich sehen, wo er bleibt. Wozu brauchen wir also ein R? Wir wollen keinen Aufruhr in uns und wir wollen auch nicht an den Lauf der Welt rühren. Wir wollen uns nicht bewegen und am liebsten auch nicht bewegen lassen. Wir wollen unterhalten werden. Wir wollen genießen, ohne etwas dafür zu tun. Das ist weniger anstrengend und außerdem in.

Und die Jungen tun es uns gleich. Cool sein heißt die Devise. Nichts rührt uns an, wir rühren nichts an, was unser Gleichmaß stört. Das R ist out. Uncool. Das R hat keine Zukunft. Kehren wir es artikulatorisch unter den Teppich. Lassen wir es weg.Diese Tendenz hat es weit geschafft.

Im Auslaut, also am Wortende, ist das R nämlich auch im Duden nur noch im Schriftbild vorhanden. Wir schreiben „Winter“, sprechen aber längst mit dem Segen aller Experten „"vinta“ – oder statt Sommer "Somme", statt Tor "Toa", statt heuer "heue" und statt oder "oda".  Auch der Silbenauslaut deutet allenfalls noch ein R an: Wir schreiben darstellen, aber wir sprechen "daschteln", schreiben wahr und sprechen "wah", schreiben Birne und sprechen "biane". Wir vokalisieren das R, sagen die Sprachwissenschaftler dazu. Als Ersatz für das R dehnen wir also den unmittelbar vorangehenden Vokal länger als eigentlich nötig. Jeder erahne, was ein R vermag, indem er diese Konventionen im eigenen Sprechen bewusst bricht. Aber nicht nur der Auslaut, auch die Endsilben (Suffixe) der Wörter sind betroffen.

Ich nenne als Beispiele die Verb-Endungen -ern, -ieren oder –ifizieren: wandern, probieren, infizieren. Probieren Sie es selbst aus, sprechen Sie sich diese Worte vor, beobachten Sie sich und andere. Kein R, nirgends. Mögliche regionale und Mundart bedingte R-Realisationen zu diesen Beispielen werden in einer Bandbreite von putzig bis allenfalls hörenswert zur Kenntnis, aber nicht ernst genommen. Auf vergleichbare R-Positionen in Wörtern sei hier nur anhand der Beispiele "erst" und "besonders" aufmerksam gemacht.Wechselt man zu den Vorsilben (Präfixe), gibt es zwar zahlreiche Rs im Schriftbild, aber welches R wird tatsächlich hörbar und damit Realität? Als Beispiele mögen dienen die Worte: Er-ziehung, ver-gessen, vor-zeigen, zer-fallen.Bleiben uns drei Stellen, an denen wir auch heute noch richtig rrrrr sagen dürfen: der Silbenanlaut: wa-ren, Haa-re, Tü-ren bestimmte Lautverbindungen am Wort- oder Silbenanfang (br-, dr-, gr- und pr-, tr-, kr-): Brot, dringend, Gruft und Priemel, treffen, Kraft, und quasi als letzte Bastion des R der Wortanlaut: Regen, Raum, Radio, Riegel, rot, russisch. Aber mal Hand aufs Herz: Rollen wir es denn bewusst? Oder begnügen wir uns auch hier mit einem – Duden-konformen - angedeuteten r-chen?

Lauschen wir in uns hinein und probieren wir aus, wieviel R wir einerseits bieten und andererseits ertragen können. Suchen und erüben wir spielerisch eine neue, bewusste Haltung zu diesem einzigartigen Laut unserer Sprache. Was immer wir entdecken, es wird Zukunftsträchtiges darin sein.

 

Die Autorin: Christa Burkhardt, Jahrgang 1968, verheiratet, drei Kinder, studierte Germanistik und Pädagogik (M. A.) sowie Sprecherziehung/ Sprechwissenschaft (univ. und DGSS) in Regensburg. Heute ist sie als Redakteurin bei einer Tageszeitung in Nordbayern und freiberuflich als Dozentin tätig.

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