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Klausuren sind keine Erfindung der Lehrer

Rüdiger Iwan

26. April 2008

Woher kommt eigentlich die schriftliche Form der Prüfung, woher kommt die Klausur?
Rüdiger Iwan: Aus der Überzeugung der Beteiligten. Wie der Mönch in seiner Klausur hofft, der reinen Wahrheit teilhaftig zu werden, so glauben Lehrer bis heute, dass sich ihnen die reine Schülerleistung offenbart, wenn sie ihre Zöglinge unter die asketischen Bedingungen der Klausur stellen.

Aber Klausuren sind doch keine Erfindung der Lehrer?

Nein. Lehrer haben ihre Formen nur so sehr verinnerlicht, dass man meinen könnte, sie hätten sie erfunden. Aber es war der preußische Staat, der das Abitur 1788 kreierte. Und 1834 war es Metternich, der auf einer geheimen Ministerialkonferenz in Wien die Abschlussprüfung für die Länder des Deutschen Bundes verbindlich machte. Als Machtinstrument.

Was haben Prüfungen mit Macht zu tun?
Sehr viel. Zur Zeit Metternichs hat man damit Gesinnungsschnüffelei betrieben. Examinationen waren ein Instrument der Kontrolle. Freiheitsliebende, aufmüpfige Studenten sollten vom Besuch der Universität fern gehalten werden. Aber streng genommen hat auch der Staat die Prüfungen nicht erfunden. Nur übernommen. Ihren Ursprung haben sie in den Riten alter Naturvölker. Wir praktizieren sie heute in ihrer säkularisierten Form.

Das meinen Sie jetzt nicht im Ernst?

Mit so heiligen Dingen würde ich mir nie erlauben zu scherzen! Überlegen Sie doch mal. In Bayern bezeugt die Bezeichnung des Ministeriums selbst diesen Zusammenhang. Staatsministerium für Unterricht und "Kultus" heißt es. Und  Kultus, sagt das Lexikon, ist die "geregelte Form der Gottesverehrung".

Wie sieht es dann mit dieser geregelten Klausurprüfung aus? Was sind deren Merkmale?

Wir haben sie beide am eigenen Leib zu spüren bekommen. Als flaues Gefühl in der Magengrube, wenn wir eine Klassenarbeit geschrieben oder zurückbekommen haben. Als Schlag ins Gesicht, als "du bringst es einfach nicht und bist eben ein Versager", wenn alles Bemühen - wieder mal - mit einer 5 "belohnt" wurde. Als negative Erinnerung. Oder kennen Sie einen Abiturienten, der Ihnen mit welchem zeitlichen Abstand auch immer von seiner Prüfung vorschwärmt? Von einer inspirierenden Atmosphäre etwa oder von Fragen, die ihn anspornten weiter als bis zum Ende der Klausur zu denken? Von Perspektiven, die sich in dieser Prüfung auftaten? Von der Aufbruchstimmung, die einen Übergang in einen neuen Abschnitt kennzeichnen? Nichts dergleichen. Es bleibt lediglich die Erleichterung, wenn "es" endlich vorbei
ist. Wir schließen ein Lebenskapitel ab. Warum schließen wir mit der Abiturprüfung eigentlich kein neues Kapitel auf? Mein Französischlehrer zum Beispiel wurde nicht müde, uns eine wesentliche Bedingung der Klausur vorzuhalten. Nachdem er die Aufgabenblätter verteilt hatte, ging er zu seinem Pult, machte es sich dort bequem, ließ seine Blicke über die Klasse schweifen und sagte: Chacun pour soi et Dieu pour tous (Jeder für sich und Gott für uns alle). Zusammenarbeit war verboten. Das ist heute im Zeitalter der Teamarbeit obsolet.

Warum soll man nicht lernen, bei der Arbeit auf sich allein gestellt zu sein?
Nehmen wir mal an, Sie hätten zu mir gesagt: Herr Iwan, hier haben Sie eine Liste mit Interviewfragen, dort ist Ihr Arbeitsraum, Sie haben 300 Minuten Zeit, keine Minute länger, Hilfsmittel sind ausgeschlossen, Kommunikation ist verboten. Ihre Leistung wird über eine Erst- und Zweit-, gegebenenfalls Drittkorrektur einer anonymen Beurteilung unterzogen, am kommenden Donnerstag erfahren Sie das Ergebnis. Können Sie sich vorstellen, was ich gemacht hätte?

Sie hätten mir die Unterlagen um die Ohren gehauen und wären gegangen. 

Aber ich bitte Sie! Ich hätte sie Ihnen höflich zurückgegeben. Aber gegangen wäre ich, da haben Sie Recht. Und die Aufgabe hätte ich verweigert. Mir tun die Schüler leid, weil sie das nicht tun können.

Aber wenn, wie in unserem Fall, die Bedingungen frei sind, bekomme ich dann überhaupt Ihre reine Leistung?

Unter den oben genannten Bedingungen der Leistungs-Fest-Stellung würde ich Ihnen nur uninspiriertes Mittelmaß abliefern können. So bekommen Sie vielleicht ein außergewöhnliches Interview.Wenn die Klausur ein unzeitgemäßes Mittel ist, wie könnten wir denn nun Ihrer Meinung nach zu zeitgemäßen Aufschlussprüfungen kommen? Ganz einfach. Indem wir Punkt für Punkt die angeführten Merkmale umkehren. Also: Statt wie bisher vorgeschriebener Inhalte in Zukunft selbst gewählte. Statt verordnetem Zeitkorsett einen vereinbarten Zeitrahmen. Statt ausgeschlossener Hilfsmittel Reflexion des Lernwegs. Statt anonymer Beurteilungsverfahren transparente dialogische Bewertung. Aber einfach ist das nicht. Es ist wie gesagt eine Machtfrage. Es ist die Frage: Wie viel Macht gebe ich ab und den Prüflingen in die Hand?

Geht auf Ihrem Weg nicht die Vergleichbarkeit der Prüfungen und Prüfungsergebnisse verloren?

Was verstehen Sie darunter? Dass man beispielsweise weiß, dass in Bayern die Durchschnittsnote allerAbiturabsolventen eines Jahrgangs bei - sagen wir - 2,2 liegt. Jetzt müssten nur noch alle anderen Bundesländer dasselbe Zentralabitur haben, schon könnte man vergleichen. Wie ich sagte, eine Machtfrage! Die kann ich ehrlich gesagt gerade nicht sehen. Die Macht der Abstraktion. Na gut, führen wir das Zentralabitur in Deutschland ein. Die Bayern schneiden mit einem Notendurchschnitt von 2,2 ab, die Hamburger mit 3,2. Glauben Sie im Ernst, dann wissen wir mehr? Wollen wir überhaupt wissen, wie viel Realität sich hinter solchen Zahlen verbirgt? Es fängt doch mit den Schulnoten an. Kevin kommt zum Großvater, legt ihm die Eins im Zeugnis vor. Großvater ist glücklich, Kevin auch, er bekommt 5 Euro für den Einser. Kevin hat eine Eins und 5 Euro, soviel steht fest. Aber was "weiß" Kevin wirklich?

Dann kann man Aufschlussprüfungen also nicht vergleichen?

Doch, kann man! Wenn Sie Vergleichbarkeit nicht ausschließlich anhand abstrakter Zahlenwerte betreiben wollen. Aufschlussprüfungen sind über vereinbarte Kriterien vergleichbar. Nach innen geben diese der Freiheit eine Form, nach außen machen sie sie überprüfbar. Der Vergleich findet auf der Basis inhaltlicher Evaluationen statt.

Das klingt ungeheuer aufwändig. Außerdem geht der Trend in Europa hin zur Zentralisierung. Haben Ihre Vorstellungen vor diesem Szenarium überhaupt eine Chance?

Ich sehe die Chance in der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft.

Die meisten Unternehmen sortieren ihre Bewerber über die Durchschnittsnote der Abschlussprüfung vor und anonymisieren die Verfahren über Internet und Eignungstest. Da fällt jemand mit einer 3 vor dem Komma schon durch das allererste Raster.

Klar gibt es das. Aber es gibt auch einen ganz anderen Trend. Nämlich den, sich von vordergründigen Auswahlverfahren zu verabschieden. Und der könnte in Zusammenhang mit dem zu erwartenden demographischen Wandel bald schon ein Megatrend werden. Vor Jahren habe ich in Zusammenarbeit mit der Daimler AG in Mannheim die Neuen Wege in die Ausbildung kreiert. Für so genannte benachteiligte Jugendliche. Mit ihrem Abschlusszeugnis hatten diese jungen Menschen keine Aussicht auf einen der begehrten Ausbildungsplätze. Sie wären alle durch das Notensieb gefallen. Also haben wir ihnen in einem fünfmonatigen "Prüfungsverfahren" die Chance eröffnet, zu zeigen, was sie können. Am Ende mussten sie ein Portfolio vorlegen, in dem sie anhand selbst gewählter Belegstücke ihre Bemühungen, Fortschritte und Leistungen reflektiert haben. Viele von diesen Jugendlichen sind heute erfolgreiche Fertigungsmechaniker und die Wirtschaft ist froh, dass sie sie hat.

Ein Einzelprojekt, wenn ich es richtig verstehe.

Ein Anfang. Inzwischen ist daraus die M+E Initiative hervorgegangen. Ein Zusammenschluss von Unternehmen der Automobilbranche und Sozialpartnern. Die Initiative zum Übergangsmanagement von der Schule in die Ausbildung hat zum Ziel, Bildungspotenziale zu erschließen und dadurch den Übergang von der Schule in die Ausbildung zu verbessern. Sie möchte hierzu ein Kompetenzzentrum aufbauen, das bundesweite Unterstützung für die Unternehmen der Metall und Elektroindustrie organisiert. Ich denke, in diesem Zusammenhang werden die Gedanken zu einer neuen Aufschlussprüfung praktisch weiter erprobt werden.

Wie kann man nun so ein Modell auf das Abitur und die Feststellung der Studierfähigkeit junger Menschen übertragen?

Ein Beispiel: Der Schüler - bleiben wir im gewohnten Fächerkorsett - erstellt ein Portfolio in Englisch. Eine reflektierte "The best of"-Auswahl seiner Arbeiten. Und zwar über einen längeren Zeitraum, am besten über die gesamten Oberstufenjahre, damit auch seine Entwicklung sichtbar wird. Drei Beispiele legt er schließlich der Prüfungskommission vor. Diese dokumentieren, in welchem Maße er die Standards in den Kompetenz-Bereichen "Schreiben", "Lesen" und "logischer Aufbau" erreicht hat. Auf dieser Basis findet dann das Prüfungsgespräch statt. Ein Vorgehen, das, recht gehandhabt, dem Einzelnen die Chance eröffnet, zum Subjekt seiner Prüfung zu werden. Bliebe nun noch die Frage zu klären, wie er auch zum Subjekt des Bewertungshandelns werden kann. Zarte Anfänge dieser Art von Demokratisierung der Prüfungsformen finden sich übrigens an Gymnasien in Österreich und der Schweiz. Auch an einigen Universitäten gibt es Versuche in diese Richtung.

Interview: Christa Burkhardt

Rüdiger Iwan, Jahrgang 1955, studierte Germanistik und Sport. Seit 1999 ist er als Geschäftsführer der perpetuum novile Schulprojekt GmbH verantwortlich für die Organisation von Projekten zwischen Schule und Wirtschaft. Mit der Daimler AG entwickelte er die "Neuen Wege in die Ausbildung" und ist Mitglied des Netzwerkes M+E Initiative.


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