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Herrn Rudolfs Vermächtnis

Eine Versöhnung, die keiner will

 

Winter 1944 in Ostpreußen. Es ist Krieg. Sieben Kinder schlagen sich gemeinsam Richtung Westen durch. Sie verlieren Mutter und Großmutter. Die beiden Jüngsten verhungern. Ute sieht zu, wie der Großvater erschossen wird und stottert seitdem. Lotte wird von zwei Soldaten vergewaltigt. Thomas findet die übel zugerichtete Leiche seiner Mutter und kommt über den Tod seines kleinen Bruders nicht hinweg. Aber über all das wird nie gesprochen. Nach dem Krieg verlieren sich die Kinder aus den Augen. Stefan wird von einem entfernten Verwandten in Kanada adoptiert. Seine drei Geschwister Lotte, Kurt und Ute wachsen bei einer Tante auf. Der reiche Onkel dieser vier, Rudolf Rudolf, adoptiert ausgerechnet Thomas, der ,,nur" ein Vetter der Geschwister ist und eigentlich gar nicht dazugehört. Über ihre nie verarbeiteten Kriegserlebnisse schweigen die fünf, die übrigbleiben, ihr Leben lang: Ute stottert nach wie vor. Lotte hat das zwanghafte Bedürfnis, sich das Gesicht zu schrubben, bis es geschwollen ist. Kurt entwickelt einen krankhaften Ordnungssinn, und Thomas ist schizophren. Nur Stefan konnte vergessen. Füreinander empfinden sie auch 40 Jahre später nichts als Haß und machen sich gegenseitig für den Tod der Mutter bzw. des Bruders verantwortlich. Kurt, Lotte und Thomas weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Da stirbt der reiche Herr Rudolf. 40 Jahre lang hat er versucht, mit seinem Adoptivsohn Thomas über dessen Vergangenheit zu reden. Aber Thomas schwieg. Mit seinem Testament versucht der alte Mann, die fünf Kinder an einen Tisch zu bringen. Herr Rudolf initiiert eine Versöhnung, die niemand will. Es ist eine beklemmende Geschichte und fesselnd erzählt. Was geschah wirklich im Winter 1944? Ossowski gelingt es meisterlich, die Biographien ihrer Figuren in Dialogen und Rückblenden Stück für Stück zusammenzusetzen. Haben die vier Geschwister tatsächlich den kleinen Bruder von Thomas absichtlich verhungern lassen? Warum hat Kurt nie geheiratet? Alle kommen zu Wort. Es wird deutlich, wer wen haßt und warum. Es wird deutlich, warum die fünf so geworden sind wie sie sind. Dabei ist Ossowski absolut gerecht und wertet nicht. Einfühlsam erzählt die Autorin einzelne Mosaiksteinchen von Lebensläufen sowohl aus der subjektiven Sicht der Kinder von damals als auch aus der der heutigen Erwachsenen. Meisterlich wechselt sie die Perspektiven. Alle fünf werden nach wie vor von ihren Erinnerungen geplagt. Fünf verschiedene Menschen, fünf unterschiedliche Sichtweisen eines gemeinsamen Lebensabschnitts. Lediglich Stefan und Ute gelingt es, den wahren Schuldigen an den schrecklichen Ereignissen zu benennen: den Krieg.

 

Leonie Ossowski: Herrn Rudolfs Vermächtnis (352 Seiten). Wilhelm Heyne Verlag München 1998. 16,90 DM. Nr. 10668.