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Als Zwangsarbeiterin in Neustadt

Die 87-jährige Eva Kovacs spricht über Ihre zeit als Zwangsarbeiterin in Neustadt. Foto: Tim Birkner

14. April 2010

Neustadt/Buchenwald – Draußen liegt dichter Nebel. Die Welt ist grau. Die Stämme der Erlen, Buchen und Eichen auf dem Ettersberg wirken im Fenster hinter Eva Kovacs wie Scherenschnitt. Die 87-Jährige trägt schwarzweiß. Eine fein karierte Bluse in schwarz und weiß mit großem Kragen, darüber eine graue Weste. Sie ruht in sich. Liest zunächst mit Brille, erzählt schließlich in einem ungarischen Redeschwall, dass der Übersetzer Mühe hat, mitzukommen. Sie erzählt von ihrem Schicksal,  von ihrem Leben vor knapp 50 Neustadterinnen und Neustadtern, die sich zu ihr auf den Weg gemacht haben. Treffpunkt Buchenwald. Zweiter Stock. Rechts. Bis vor 65 Jahren war das das Quartier der SS, heute ist es Begegnungsstätte.

Eine Begegnung mit Eva Kovacs ist die Begegnung mit einer jüdischen Zwangsarbeiterin, die 1944 und 1945 in Neustadt im Kabelwerk von Siemens stand, bis zu 60 Kilo schwere Kabelrollen hob, die später an die letzten Fronten des 2. Weltkrieges geliefert werden sollten. Sie war eine von 403. Sie war eine, die korrekt war: „Im Werk waren auch noch Franzosen, die absichtlich in die Kabel schnitten, die dann unbrauchbar verschickt wurden.“ Sie hingegen mühte sich um Qualitätssicherung.

2004 und 2005 kam sie bereits nach Neustadt, wollte sich ihren Arbeitsplatz von damals noch einmal ansehen und sagt heute: „Das ist in dem Werk immer noch genau so wie früher, nur dass heute Maschinen die schweren Kabeltrommeln heben.“ Eine der Trommeln fiel ihr auf den Fuß, das spürt sie noch heute – doch damals durfte sie nicht krank sein. Wer bei einer Kontrolle fehlte, wurde mit Sicherheit abtransportiert. Wohin, das hatte Kovacs bereits erlebt. Sie kam auf Güterwaggons zunächst nach Auschwitz, bevor sie aussortiert wurde, über Ravensbrück schließlich nach Neustadt kam. Sie hat Auschwitz überlebt. Als einzige ihrer Familie. Desinfiziert, kahl geschoren, geplündert. Kovacs erzählt mit ihren Händen. Die rechte Hand zeigt die Peitschenhiebe, das ist zu erkennen, lange bevor der Übersetzer ihre Worte überträgt. Gleichzeitig krampft ihre Linke. Mutter und Tochter hielten sich so lange wie irgendwie möglich. Ein Händedruck, der die letzte Erinnerung an ihre Mutter sein sollte. „Wir bekamen keine Nummern, wofür? Das war ein Vernichtungslager.“ Und das Wort „Vernichtungslager“ spricht Kovacs deutsch aus. Ebenso wie „Aufseher“ oder „Kapo“ oder „Lagergeld“.

„Wir müssen die Erinnerung weitergeben. Das ist nicht mehr meine Aufgabe, das ist jetzt ihre“, sagt Kovacs zu ihrem Publikum. Sie erscheint jünger mit jedem Satz, den sie spricht. Sie lässt sich von ihrem Sohn, der neben ihr sitzt, nicht bremsen. Er und sein Bruder, ihre beiden Kinder, haben ihr Schweigen gebrochen. Sie wollte nichts erzählen, ihr Schicksal verschweigen, niemanden damit belasten. „Ich war mit den Nerven am Ende, habe den ganzen Tag geweint. Mein Mann hat sich Sorgen um mich gemacht“, erinnert sie sich. Ihr Sohn erinnert sich an seine Schulzeit, als er irgendwann mit antisemitischen Sprüchen nach Hause kam, aufgeschnappt, hingeschmiert, nachgeplappert. Erst da ist der Mutter Eva Kovacs klar geworden, dass ihre Geschichte auch eine Aufgabe ist. Gegen das Vergessen, für eine Zukunft in Frieden. Eine Aufgabe, die inzwischen ihr Sohn für seine Enkel übernommen hat, eine Aufgabe, die nicht verteilt werden kann, eine Aufgabe, die jeden fordert. Und während ihr Sohn das in flüssigem Deutsch erzählt, richtet die Mutter den Blick in die Ferne. Wenn sie ihm zuhört, wirkt sie alt. Wirkt sie müde. Wirkt sie wie eine, die ihre letzte Kraft mobilisiert hat, um die Reise aus ihrer Heimat Ungarn nach Buchenwald zu schaffen. Ein Lager, das sie nie erlebt hat, ein Lager, das sie verwaltet hat.

Sie erzählt vom Alltag, vom alltäglichen Irrsinn, davon, dass sie von der Stadt Neustadt selbst nichts mitbekommen hat. Zwölf Stunden Arbeit, zwölf Stunden frei -  mal tags, mal nachts. „Wir haben uns gegenseitig Rezepte erzählt, das hat uns an zuhause erinnert“, das war eine Zutat für´s Überleben. Dazu ein „Herr Müller“, der ihr Chef war, den sie gerne noch einmal getroffen hätte. Manchmal, so erzählt sie, habe er sein Essen wie zufällig stehen gelassen. Er wurde, so erinnert Kovacs, an die Front versetzt, weil er zu gutmütig war, weil der Schwindel mit den defekten Kabeln aufgeflogen sei. 

Zurück ins Heute. Als sie auf die jüngste Wahl in Ungarn angesprochen wird, gerät Kovacs in Fahrt. 17 Prozent haben die Rechtsextremen da geholt. Zustände, die eine alte Frau, die bis vor zwei Jahren Vorsitzende eines Antifa-Vereins war, verheerend findet. Doch sie schimpft nicht, sie verurteilt nicht. Sie verurteilt nicht die Deutschen von damals und nicht die Deutschen von heute, auch nicht die Wähler in Ungarn. „Die neue Rechte infiziert viele Jugendliche“, sagt sie. „Wie früher.“ So schlicht ist das.

Tim Birkner


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Texte aus Neustadt bei Coburg

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